Mittwoch, 2. August 2017

Warum Rituale Kinder und Familien stärken

Bild: Anton von Werner: Taufe in meinem Hause
Christiane Jurczik

Sie sind viel mehr als nur Gewohnheiten: Rituale wie der tägliche Gute-Nacht-Kuss stärken Familien, halten sie gesund und beugen Stress vor. 

Rituale entspannen und geben Halt

Fast jede Familie hat Rituale, die das Leben leichter, gesünder oder schöner machen. Sie sind wie kleine Fixpunkte, die für Sicherheit sorgen und Geborgenheit schenken. Abends den Übergang vom Tag in die Nacht finden? Wie wäre es mit einem kurzen Lied oder einer kleinen Geschichte?

Die schönsten Rituale im Lauf der Jahreszeiten sorgen für Orientierung. Jedes Jahr kleine Eckpunkte schaffen. Gemeinsam einen Osterstrauß pflücken oder Weihnachtssterne basteln, Geburtstage im Kalender eintragen.

Schon Eltern von Neugeborenen erfahren wie heilsam Gewohnheiten sind. "Unruhige, leicht erregbare Babys lassen sich durch Rituale entspannen", erklärt Jörn Borke, Professor für Entwicklungspsychologie der Kindheit an der Hochschule Magdeburg-Stendal. "Die Kleinen wissen, was passiert. Das kann hilfreich sein, um zur Ruhe zu kommen", sagt Borke.

"Wenn die Welt vorhersehbar ist, dann wird sie dadurch stressfreier", erklärt Hirnforscher Prof. Manfred Spitzer, ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universität Ulm.

Rituale erleichtern die Erziehung

Bei genauerer Betrachtung steckt unser Alltag voller kleiner und großer Rituale, oft ist uns das nicht mal bewusst. In vielen Familien hat jeder seinen festen Platz am Tisch oder trinkt aus seiner Lieblingstasse. Der Osterhase versteckt schon seit drei Generationen die Eier im Wald. In die Kita muss Tag für Tag die eigene Brotzeitdose mit – und die Mama winkt jeden Morgen, bis der Papa samt Sohn um die Ecke verschwunden ist. "Gerade Kinder lieben Rituale, denn sie machen den Alltag vorhersehbar, nehmen Ängste und führen zu einer starken Persönlichkeit", erklärt Hirnforscher Spitzer. Und sie halten gesund, können sogar dafür sorgen, dass Kinder schlank bleiben. 

Das überzeugendste Argument für alle Eltern lautet jedoch: Rituale sind prima Erziehungshelfer. "Kinder", sagt Spitzer, "sind in einem ritualisierten Ablauf wesentlich einfacher zu handhaben. Sie gedeihen in einem Umfeld, das berechenbar ist, einfach besser."

Jeden Abend eine Kurzgeschichte und dann Augen zu – das erspart eine Menge Diskussionen darüber, wann Fünfjährige eigentlich ins Bett gehören. Zuerst wird das Baby gestillt dann werden Windel gewechselt - danach ein leises Schlaflied: So verstehen schon Babys, dass der Tag zur Neige geht. Rituale beeinflussen auch körperliche Reaktionen, sagt Babyexperte Borke: Wenn es leise wird und man das Licht dimmt, schaltet der Organismus automatisch einen Gang herunter und stellt sich aufs Schlafen ein. Jeden Tag zur gleichen Zeit essen führt dazu, dass sich tatsächlich alle mit Appetit an den Tisch setzen.

Rituale halten die Gesellschaft zusammen

Ohne Gleichklang könnte sich Hannelore Kleemiß vom Vorstand des "Vereins für Kinder" in Oldenburg keine einzige funktionierende Kita vorstellen. "Stellen Sie sich 15 Kleinstkinder in einer Gruppe vor, die keine Orientierung erhalten", sagt die Expertin mit Arbeitsschwerpunkt Krippenpädagogik. "Ohne Rituale würden alle pädagogischen Mitarbeiter verzweifeln!" So aber gewöhnen sich die Kinder daran, im Morgenkreis zusammenzusitzen, sich die Hände vor dem Essen zu waschen, sich gegenseitig aussprechen zu lassen. "Kinder finden schneller zusammen, die Gemeinschaftsbildung funktioniert besser, und es gibt weniger Streit, wenn manche Dinge immer nach dem gleichen Schema ablaufen", so Kleemiß. "Rituale sind wie ein Geländer, an dem sich die Kinder entlanghangeln können", sagt die Kita-Expertin.

Und sie sind der soziale Kitt, der alle Beziehungen in allen Gesellschaften zusammenhält. Schon beim Begrüßen hilft es, wenn man weiß, was der andere erwartet: fester Händedruck in Hamburg, Bussibussi in München, drei Wangenküsschen in der Schweiz. Auch Zweierbeziehungen funktionieren mit ritualisierten Abläufen besser: Immer zum Hochzeitstag eine Nacht ins Hotel. Jeden Morgen ein Küsschen zum Abschied und eine Umarmung zur Begrüßung, wenn sie abends wieder nach Hause kommt – aus-dem-Mantel-Helfen inklusive. Solche kleinen Aufmerksamkeiten signalisieren Intimität. Deshalb plädieren alle Ritualforscher einvernehmlich dafür, Zweierrituale unbedingt aufrechtzuerhalten, auch und gerade nachdem ein Baby geboren wurde und aus zwei Menschen eine Familie wird.
Rituale geben Alltag und Leben Struktur

Faszinierend, was Rituale alles können. Sie strukturieren die Zeit, die Tag für Tag und manchmal zäh durch das Leben fließt. Sie lassen den Alltag ein bisschen leuchten, schaffen oft auch eine Insel der Ruhe in der Hektik des Tages. Rituale können aber auch große Ereignisse markieren: Ein Kind wird geboren, eine Taufe oder eine Hochzeit stehen an. Mit tradierten Festen findet jeder Mensch Halt – und indem man sie feiert, tut man nebenbei eine Menge für die Zusammengehörigkeit der Familie. Rituale markieren Übergänge: Wenn Kinder am ersten Tag mit Schultüte aus dem Haus gehen, zeigt das: Ich werde groß. Rituale helfen, Krisen und schwierige Zeiten einzuordnen und zu bewältigen: Beerdigungen etwa laufen im Prinzip schon seit Generationen nach demselben Muster ab. Nur eines dürfen Rituale nicht: zur Routine verkommen. Es geht nicht darum, sich verkrampft an starren Regeln festzuklammern. Rituale sollen Freude machen und das Leben erleichtern.

Deshalb sollten Gewohnheiten mitwachsen, so wie sich die Familie auch verändert. "Von einem 15-Jährigen kann man nicht mehr verlangen, abends ein Gute-Nacht-Lied zu singen oder mit der Oma Ostereier zu suchen", sagt Michael Schnabel. Aber man könnte gemeinschaftlich überlegen: "Wie wollen wir als Familie künftig feiern? Wie wollen wir Festtage gestalten?", rät Schnabel. Wichtig sei, dass alle, Große wie Kleine, hinter einem Ritual stehen. Übrigens: Ob eine Familie dabei viele oder wenige Rituale hat, spielt für Jörn Borke von der Osnabrücker Babysprechstunde überhaupt keine Rolle. "Es geht ja dabei nur um eins: dass sich alle wohlfühlen."

Mit Informationen aus Baby und Familie vom 11.05.2017

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